9
März
2021

Wozu niederschwellige Angebote in der Schulsozialarbeit?

Erfahrungen und Überlegungen von einem Schulsozialarbeiter

Alle folgenden Beispiele beruhen auf den Erfahrungen der Schulsozialarbeit, haben sich aber weder in genau der dargestellten Form noch mit den genannten Personen jemals konkret an einer Schule ereignet.

Die Ausgangslage

Gerhard (10) hat kein Interesse an Schulsozialarbeit. Eigentlich weiß er nicht einmal, was das ist, weil er bei der persönlichen Vorstellung der Schulsozialarbeiterin nicht aufgepasst hat.

Corinna (14) hatte vor einem Jahr richtig Spaß bei einem Workshop der Schulsozialarbeit. Sie hat zwar vergessen, worum es damals ging, aber sie erinnert sich noch an die fixen Beratungszeiten und sie weiß, wo der Beratungsraum ist. Sie war jedoch noch nie dort und hat auch nicht vor, dorthin zu gehen. Wozu auch?

Ahmed (15) ist ein aufgeweckter Schüler und sehr beliebt. Es gibt keine Probleme mit ihm. Weder die Klassenlehrerin noch er selbst sehen einen Bedarf, das Beratungsangebot der Schulsozialarbeit in Anspruch zu nehmen.

Alltagsarbeit

Gerhard hat von seinem besten Freund aus der Nebenklasse erfahren, dass es in der Schule einen Drehfußballtisch gibt. Er begleitet ihn zum Spielen und merkt, dass es ihm großen Spaß macht. Außerdem ist der Schulsozialarbeiter, der immer dabei ist, sehr nett. Er kommt immer öfter und meldet sich sogar zu einem Turnier an.

Corinna trifft die nette Schulsozialarbeiterin, die sie vom Workshop kennt, immer wieder in den Pausen, da sie regelmäßig durch die Gänge und Klassen spaziert. Manchmal plaudert sie auch ganz ungezwungen mit ihr, und einmal hat sie in der großen Pause sogar UNO mit ihr und ihrer besten Freundin gespielt.

Ahmed kommt mit dem Schulsozialarbeiter einmal bei einem Schulausflug und einmal bei einem Handballturnier ins Gespräch. Es geht um Belangloses, aber sie haben Spaß. Ahmed hätte nicht gedacht, dass sich der Schulsozialarbeiter so für Sport interessiert. Außerdem gefällt ihm, dass er zuhört – egal, worum es geht.

Anlassfälle

Gerhard bekommt unerwartet Schwierigkeiten mit einem Lehrer. Er ist verärgert und weiß nicht, wie er damit umgehen soll. Er möchte so bald wie möglich mit einem erwachsenen Mann darüber reden? Aber mit wem? Er lebt alleine bei seiner Mutter und hat kaum Kontakt zu seinem Vater. Mit Freunden will er nicht darüber sprechen, da es ihm irgendwie peinlich ist. Auch andere Männer, die ihm einfallen, scheinen nicht passend für so ein Gespräch zu sein. Da hat Gerhard eine Idee: „Ich könnte doch nach dem nächsten Drehfußballspiel den Schulsozialarbeiter darauf ansprechen. Der hat uns ja eh immer gesagt, dass er alles vertraulich behandelt.“

Am Wochenende hatte Corinna eine heftige Auseinandersetzung mit ihrem um drei Jahre älteren Freund. Es ging auch um Sex und sie ist völlig verunsichert. Was soll sie machen? Was darf sie machen? Worauf muss sie achten? Viele Fragen gehen ihr durch den Kopf und sie weiß nur, dass sie auf keinen Fall mit den Eltern darüber reden will. Auch mit ihrer besten Freundin kann sie den Vorfall nicht besprechen, da diese ja selbst gerade nicht weiß, was sie mit ihrem Freund machen soll. Außerdem wäre es sicher besser, denkt sie, wenn sie mit einer erwachsenen Frau darüber spricht. Da fällt ihr die sympathische Schulsozialarbeiterin ein.

Ahmed hat eine unglaubliche Erfahrung gemacht: Er hat sich in einen Buben verliebt! Es ist ihm peinlich und er weiß niemanden, mit dem er darüber sprechen kann. Seine Gedanken gehen wild durcheinander: „Soll ich es einfach verschweigen? Was bedeutet das denn überhaupt? Ich muss das jemanden erzählen! Mit dem Klassenlehrer, Freunden und Sportkollegen, seinem Bruder oder gar den Eltern reden? Unmöglich! Aber da gibt es doch noch den Schulsozialarbeiter, der so gut zuhört. Er ist auch eine Ansprechperson, oder?“

Fazit

Die Teilnahme von Schulsozialarbeit an Schulveranstaltungen, unterschiedliche Freizeitangebote, kurzes Fragen nach dem Befinden und „problemfreie“ Gespräche, freundliches und ungezwungenes Auftreten, Spiele und die ständige Präsenz sowie das wiederholt ausgesprochene Unterstützungsangebot sind niederschwellige Maßnahmen, die den SchülerInnen nicht nur in der konkreten Situation gut tun, sondern darüber hinaus die notwendige Grundlage für eine gute Beratung im Bedarfsfall schaffen.

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